Traurig? Ab ins Gym!

Wie Selbstoptimierung Jugendliche in problematische Rollenbilder führen kann

Geschrieben von: Nina Kainz

„Was macht ihr, wenn ihr traurig seid?“, die wiener Soziologin Helena Spindler blickt sich im Raum um. Ganz selbstverständlich kommt es von einigen Burschen wie aus der Pistole geschossen: „Ins Gym gehen!“ Worte, über die sie noch nach Ende des Workshops der Sensibilisierung Initiative nachdenkt.
Sport zu machen, wenn es einem schlecht geht, ist zunächst nichts Problematisches, sondern sehr gesund. Bewegung kann helfen, Stress abzubauen und die Stimmung zu verbessern. Gefährlich wird es dort, wo die Intention kippt. Sport, Disziplin und Selbstkontrolle werden für Burschen immer mehr zu den beinahe einzigen akzeptierten Antworten auf Traurigkeit, Unsicherheit oder Überforderung. Muskeln und Schweiß rücken an Stelle von Gesprächen und Tränen. Befeuert wird diese Entwicklung von sozialen Medien. Ein Jugendlicher sucht vielleicht zuerst nach Fitness- und Motivationstipps, sieht sich Videos über Muskelaufbau an und geht der Frage nach, was Frauen beeindruckt. Keines dieser Themen ist von Grund auf problematisch, doch zwischen einem gesunden „Ich arbeite an mir“ und einem „Ich muss ein echter Mann sein!“ liegen online nur wenige Klicks.

Von Fitness, Mode und Dating zur Red Pill

„Ein 16-Jähriger tippt in der Regel nicht gezielt Begriffe wie Misogynie, Red Pill oder Manosphere ein. Seine Schulkollegen und er suchen eher nach Antworten auf Fragen, die in diesem Alter ganz normal sind: Wie werde ich stärker? Wie werde ich attraktiver? Wie werde ich erfolgreich? Doch genau hier verschwimmen die Grenzen“, erklärt Helena Spindler, Gründerin des Vereins Sensibilisierung Initiative. Die sogenannte Manosphere ist ein Netzwerk aus Online-Communities und Influencern, in denen Männlichkeit, Geschlechterrollen und Beziehungen thematisiert werden. Teile dieser Szene verbreiten antifeministische Positionen und starre Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen zu sein haben.
Eine 2026 veröffentlichte Studie hat genau diese Schnittstelle untersucht. Dafür analysierten Forschende 2.414 reale TikTok-Videos aus den Viewing-Historien von 142 jungen Männern zwischen 16 und 25 Jahren. Rund 38 Prozent der Videos behandelten alltägliche Themen wie Fitness, Sport, Mode oder Dating. Die Forschenden ordneten diese Inhalte ausdrücklich nicht als Manosphere-Content ein. Sie beschrieben sie jedoch als sogenannte „cultural touchpoints“, also als Themen, die an Inhalte der Manosphere anschließen können und deshalb für die Prävention relevant sind. Manosphere-Narrative machten im untersuchten Material 5,76 Prozent der Videos aus. (Fisher et al. 2026) „Es geht einerseits darum, welche Inhalte frauenfeindlich sind, und andererseits, warum jene Inhalte attraktiv sind, die Jugendliche überhaupt erst an diese Themen heranführen können“, ergänzt Omid Mansouri, Kinderschutztrainer und Antidiskriminierungsexperte, der die Initiative mitgegründet hat.

Weinen wie ein Mädchen

„Sei keine Pussy!“ – Mit solchen Abwertungen werden Weiblichkeit und Verletzlichkeit gleichgesetzt und herabgewürdigt. Wer als Mann Gefühle zeigt, gilt schnell als schwach. Wut hingegen wird häufig als akzeptabler Gefühlsausdruck angesehen. „Wenn Wut das einzige Gefühl ist, das Jungen offen zeigen dürfen, können sich dahinter auch Trauer, Unsicherheit oder Überforderung verbergen. Dann kann es schwerfallen, zu erkennen: Bin ich gerade wütend, verletzt oder habe ich Angst?“, erklärt Helena Spindler. Jugendliche brauchen deshalb Raum, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu unterscheiden und auszudrücken – und Gelegenheit, Rollenbilder zu hinterfragen, die ihnen auch in sozialen Medien begegnen.

Medienkompetenz und Rollenbilder

Österreich bekommt einen neuen Bildungsauftrag: Das neue Unterrichtsfach „Medien und Demokratie“ soll ab dem Schuljahr 2027/28 in der AHS-Oberstufe unterrichtet werden. „Medienkompetenz bedeutet für uns mehr, als Fake News zu erkennen. Ein Video kann faktisch korrekt sein und trotzdem ein problematisches Rollenbild vermitteln“, gibt Omid Mansouri zu bedenken. „Stellen wir uns einen Influencer vor. Er nimmt seine Follower:innen einen Tag lang mit, steht um 05:00 Uhr auf, trainiert, isst proteinreich, duscht kalt. Die Frage ist hier nicht nur, ob das stimmt, sondern auch, welches Bild er vermittelt. Was bedeutet für ihn Stärke? Spricht er auch über Unsicherheiten, traurige Momente? Wie misst er Erfolg? Wie geht er mit seiner Partnerin vor der Kamera um? Und was lösen seine Videos in den Zusehenden aus? Wir wünschen uns, dass auch diese Themen Platz im neuen Unterrichtsfach finden. Sie sind für Jugendliche absolut relevant und aktuell.“
Wie wichtig diese kritische Auseinandersetzung ist, zeigt sich auch dann, wenn digitale Medien in das Leben eingreifen. Etwa dann, wenn mithilfe künstlicher Intelligenz sexualisierte Bilder von Schüler:innen erzeugt und verbreitet werden.

Das Bild? Fake. Die Bloßstellung? Echt.
Heutzutage ist es so schnell wie nie zuvor möglich, echt wirkende Bilder zu erzeugen. Innerhalb von Minuten kann sich ein KI-generiertes Nacktfoto von einer Schülerin in der gesamten Schule verbreiten. Was passiert in solchen Situationen unter den Jugendlichen und Lehrer:innen? Wer schützt die Betroffene? Wer klärt die Klasse auf? Wer lacht und trägt zur Verbreitung bei? Welche Konsequenzen werden gezogen? Aktuelle Forschung beschreibt sexualisierte Deepfakes inzwischen ausdrücklich als Form von „AI-generated image-based sexual abuse“ und dokumentiert erhebliche psychische, soziale und relationale Folgen. Die Datei kann fake sein – die Beschämung, der Kontrollverlust und die soziale Reaktion der Gruppe sind real.

Feminismus als Feindbild?

In der Arbeit mit Jugendlichen begegnet der Sensibilisierung Initiative ein bedenkliches Muster. Wenn über den optischen Druck auf Mädchen gesprochen wird, kommt von Burschen etwa: „Aber Jungs müssen muskulös sein.“ Wenn es um Gewalt gegen Frauen geht: „Aber Männer werden auch geschlagen.“ Wenn über Geschlechterrollen gesprochen wird: „Aber Männer müssen das ganze Geld verdienen.“
„Auch wenn wir einerseits schockiert sind, dass diese Bilder auch 2026 noch in den Köpfen österreichischer Teenies sind, müssen wir andererseits verstehen, was hinter diesen Einwänden steht. Oft geht es hier um den Druck, den junge Männer spüren, um Erwartungen, die sie glauben erfüllen zu müssen“, erklärt Helena Spindler. Das Team der Sensibilisierung Initiative legt daher großen Wert darauf, keinen Wettbewerb über das größte Leid zwischen den Geschlechtern entstehen oder Feminismus zum Feindbild werden zu lassen. Denn genau solche Unsicherheiten sind Futter für die Manosphere. Sie greift Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung auf und bietet einfache Erklärungen und klare Rollenbilder als Lösung. „Burschen müssen lernen, zwischen Selbstentwicklung und Ideologie zu unterscheiden“, ist sich Omid Mansouri sicher.
Genau deshalb genügt es nicht, einzelne Videos als problematisch zu markieren. Entscheidend ist, dass Jugendliche die dahinterliegenden Botschaften erkennen, eigene Unsicherheiten ausdrücken und unterschiedliche Vorstellungen von Stärke, Erfolg und Beziehungen kennenlernen können.

Prävention durch Bildung und Austausch

Die Sensibilisierung Initiative plädiert deshalb für eine Medien- und Geschlechterbildung, die näher an der Lebenswelt von Jugendlichen ansetzt. In ihren Workshops und Vorträgen stellt sie ganz konkrete Fragen, wie „Wer bestimmt, wann ein Körper attraktiv ist?“, „Welche Arten von Stärke gibt es?“, oder auch „Kann ich mich entwickeln, ohne mich einem starren Rollenbild unterzuordnen?“ Diese Differenzierungen sind ein zentraler Bestandteil zeitgemäßer Prävention. Denn Jugendliche brauchen nicht nur Orientierung im Umgang mit digitalen Inhalten, sondern auch kompetente Erwachsene, die mit ihnen über die dahinterliegenden Werte und Erwartungen sprechen können. Die Sensibilisierung Initiative bringt diese Perspektive in pädagogische Fortbildungen, Fachveranstaltungen und Keynotes ein und steht auch für Interviews und Podcasts als Gesprächspartnerin zur Verfügung.

Über die Sensibilisierung Initiative

Die Sensibilisierung Initiative ist ein interdisziplinäres Netzwerk aus Pädagog:innen, Trainer:innen und Wissenschafter:innen, das mit Kindern, Jugendlichen und pädagogischen Fachkräften arbeitet. Im Mittelpunkt stehen unter anderem soziale Kompetenzen, Mediennutzung, emotionale Bildung, Beziehungsarbeit, Antidiskriminierung und Kinderschutz. Mag. Helena Spindler beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Soziologie, Psychologie, Kommunikation, Selbstreflexion, Feminismus und Geschlechterrollen. Omid Mansouri, mit dem sie die Initiative 2025 gegründet hat, ist Medien- und Erlebnispädagoge, Kinderschutztrainer und Experte für Antidiskriminierung. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen unter anderem Medienpädagogik, digitale Geschlechterrollen, Cybermobbing sowie soziale und emotionale Kompetenzen. Das Team der Initiative steht für Vorträge, Gespräche und Workshops zur Verfügung.

Kontakt für Rückfragen & Interviews
Sensibilisierung Initiative – Verein für soziale Entwicklung zur Kinder- und Jugendförderung
Salztorgasse 6/5/22, 1010 Wien
willkommen@sensibilisierung.at
+43 664 258 28 00
www.sensibilisierung.at/de

Quelle:
Fisher, K., Benakovic, R., O’Gorman, K., Rice, S., Tierney, K., Miller-Idriss, C., Dashtgard, P., & Seidler, Z. (2026). Development and application of the Masculinity Content Classification Framework.
Telematics and Informatics, 107. https://doi.org/10.1016/j.tele.2026.102402

 

Presseaussendung: Nina Kainz Die Buchstabenheldin, www.diebuchstabenheldin.at